Elinor Ostrom teilt sich die Auszeichnung für Wirtschaftsforschung mit Oliver Williamson
von Jakob Schlandt
Was passiert, wenn ein Fischteich vielen Fischern gemeinsam gehört? Er ist bald leergefischt. Da jeder Fischer möglichst viel fangen möchte, wird das kollektive Eigentum zum Schaden aller zerstört. Die Widerlegung dieser gängigen ökonomischen Theorie hat der US-Wissenschaftlerin Elinor Ostrom gestern den Wirtschaftsnobelpreis eingebracht - den ersten, der je an eine Frau ging, seit er 1961 ins Leben gerufen wurde. Sie teilt sich das Preisgeld von knapp einer Million Euro mit ihrem Landsmann Oliver E. Williamson.
Vom Sinn großer Firmen
Williamson zählt schon lange zu den Anwärtern. "Ostrom hatte dagegen kaum jemand auf der Rechnung", sagt Irwin Collier, Wirtschaftsprofessor an der Freien Universität Berlin. "Dabei ist ihr Werk hochinteressant." Ostrom hat mit dutzenden Feldanalysen und Experimenten nachgewiesen, dass auch Gemeinschaftsgüter oft effizient bewirtschaftet werden - und widerlegte damit die gängige Überzeugung.
Die US-Forscherin Ostrom zeigte sich über die Entscheidung in Stockholm "noch völlig schockiert", aber erfreut: "Ich habe eine fantastische akademische Karriere hinter mir, die eigentlich nicht mit einem Nobelpreis gekrönt werden musste", sagte die 76-Jährige. Ihre Forschungsergebnisse halte sie weiter für aktuell auch bei der Bewältigung der globalen Klimakrise.
Denn auch bei der Atmosphäre handelt es sich um eine gemeinsame Ressource - sie darf nicht übernutzt werden durch zu viel Kohlendioxidausstoß, sonst schadet es allen. "Bisher war die Annahme verbreitet, dass solche Ressourcen entweder privatisiert werden müssen, damit ein Eigentümer sie schützt, oder verstaatlicht, damit klare Nutzungsregeln herrschen", sagt Collier von der Freien Universität. Auf die sogenannte "Tragik der Allmende", also die Zugrunderichtung frei zugänglicher Ressourcen, gab es kaum andere Antworten.
Ostroms Werk legt nahe, dass nachhaltiger Gemeinschaftsbesitz möglich ist - wenn sich die Beteiligten auf faire Regeln einigen können. Zum Beispiel muss laut Ostrom der Aufwand bei der Instandhaltung des Gemeinschaftsbesitzes ähnlich hoch sein wie der Ertrag. Und: Entscheidungen sollten möglichst demokratisch gefällt werden. Nützlich bei der Disziplinierung, so fand Ostrom heraus, ist, dass Menschen gewillt sind, Regelbrecher hart zu bestrafen, selbst wenn sie dabei einen Nachteil erleiden. Das hilft, die gemeinsame Ressource zu schützen.
Ostrom dokumentierte eine Lösung, die türkische Fischer gefunden haben. Sie teilten das Meer in unterschiedlich attraktive Gebiete auf. Die Nutzung rotiert, so dass jeder abwechselnd in gute und schlechte Abschnitte fahren muss. So wird vermieden, dass alle in die guten Fischgründe fahren, die dann schnell ruiniert würden. Über die Einhaltung wachen die Fischer selbst.
Zugespitzt lässt sich Ostroms Erkenntnis auch als dritter Weg interpretieren - nicht mehr Markt oder mehr Staat, sondern gut geregeltes Kollektiveigentum ist oft eine gute Lösung. Die Erkenntnis nährt die Hoffnung, dass die Staaten der Welt sich auf effektiven Klimaschutz einigen können.
Der zweite Preisträger Williamson hat sich ebenfalls mit Organisationsprinzipien beschäftigt, vor allem mit einer simplen Frage: Warum sind Firmen so groß wie sie sind? Er fand heraus, dass es immer dann effizient ist, viele Geschäfte in eine große Firma zu integrieren, wenn die Abhängigkeit von anderen Marktteilnehmern sonst sehr hoch wäre. Als eingängigstes Beispiel gilt ein isolierter Kohlebergbau und ein benachbartes Kohlekraftwerk, die als Käufer und Verkäufer keine Ausweichmöglichkeiten haben. In solch einem Fall, sagte Williamson voraus, sei es besser, die beiden unter ein Dach zu bringen - denn sonst drohen die Firmen sich mit Streitigkeiten das Leben schwer zu machen, ohne dass es den Nutzen vergrößert.
Und tatsächlich: Es lässt sich nachweisen, dass Firmen auch in der Realität häufig effizient unter einem Konzern geeint werden, wenn sie stark abhängig voneinander sind. Dafür gibt es auch ein gutes Beispiel aus Deutschland, wo alle großen Braunkohlebergbaue und die benachbarten Kraftwerke in einer Hand sind.
62 Männer und eine Frau
Der Nobelpreis für Wirtschaftsforschung wird seit 1969 verliehen und geht als einziger nicht auf das Testament von Alfred Nobel zurück. Die schwedische Notenbank stiftete ihn, um der Bedeutung des Feldes gerecht zu werden.
Nach 62 männlichen Preisträgern, meist US-Amerikanern, erhielt ihn erstmals eine Frau.
Berliner Zeitung, 13.10.2009