Krisenbank HRE braucht weitere Milliarden. Aufgebrachte Aktionäre wettern gegen Enteignung
von Ralf Müller
Bevor es losging mit der außerordentlichen Aktionärsversammlung der maroden Hypo Real Estate (HRE) wurde beruhigende Supermarkt-Musik eingespielt. "Let's come together in sweet harmony" (Lasst uns in süßer Harmonie zusammenkommen) und "I'm sorry, so sorry", säuselte es beschwichtigend aus den Lautsprechern.
Dann ergriff Vorstandschef Axel Wieandt das Wort - um gleich eine neue Hiobsbotschaft zu verkünden: Wegen fauler Immobilienkredite und Wertpapiere brauche die Pfandbriefbank vom Bund bis 2011 noch weitere sieben Milliarden Euro. Die Hilfe werde wohl "nicht vollständig zurückgeführt werden", sondern teilweise durch Verluste aufgezehrt werden, sagte Wieandt.
Keine Kompromisse
Doch das schien die rund 1.500 anwesenden Aktionäre weniger zu kümmern. Sie sind aufgebracht, weil ihre Enteignung ansteht - und sie damit nicht die Chance erhalten, von der anstehenden Sanierung der HRE zu profitieren: Der Finanzmarktstabilisierungsfonds Soffin des Bundes, der bereits 90 Prozent der Aktien des tief in den Strudel der Finanzkrise geratenen Geldinstituts hält, setzte nämlich ihren Hinauswurf durch. "Die erste Komplettenteignung eines privatwirtschaftlichen Unternehmens in der Geschichte der Bundesrepublik", schimpfte Aktionär Norbert Kind.
"Nichts anderes als eine kalte Enteignung" und "der letzte Akt des Dramas HRE", urteilte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Aktionär Heinrich Zöller holte mit den Worten "Nun zu Ihnen auf der Bühne" eine Marionette hervor und ließ sie zappeln: "Die Strippen reichen bis nach Berlin". Aktionär Ralph Nikolaus Zettler ereiferte sich über den "Bankraub ohne Pistole."
Zwischenzeitlich unterbrach Versammlungsleiter Bernd Thiemann die Versammlung sogar wegen tumultartiger Szenen. Vor dem Podium bildete sich eine Traube aufgebrachter Aktionäre, die "Thiemann raus" skandierten. Auch über den Chef des Soffin, Hannes Rehm, entlud sich der Zorn der Anleger. Er verließ zwischenzeitlich den Saal. Der Soffin setzte das sogenannte "Squeeze Out" durch und entledigte sich der restlichen Aktionäre.
Den Aktionären leuchtete das nicht ein. Der Commerzbank habe der Staat auch mit Milliarden geholfen, ohne die Aktionäre hinauszuwerfen, sagte Aktionärsvertreterin Bergdolt. Es gebe keinen Grund, die HRE-Aktionäre anders als die von IKB und Commerzbank nicht an einer späteren Genesung der Bank teilhaben zu lassen, sagte der Berliner Anwalt Martin Weimann.
Auch auf einen Kompromissvorschlag der DSW, den Aktionären nach einer Sanierung und Rückkehr der HRE an den Kapitalmarkt ein Vorkaufsrecht einzuräumen, ließ sich Vorstandschef Wieandt im Auftrag des Soffin nicht ein: "Das Aktienrecht bietet dafür keine Grundlage."
Unter Buhrufen begründete Wieandt, warum die verbliebenen Anteilseigner, darunter der US-Großinvestor Flowers, mit 1,30 Euro pro Aktie zwangsabgefunden werden. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers habe festgestellt, dass die Bank keinen Wert mehr habe. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein und die Investmentbank Rothschild seien zu dem Ergebnis gekommen, dass das Abfindungsangebot "finanziell angemessen" sei. Obendrein habe der Verfassungsrechtler Joachim Wieland die Rechtmäßigkeit des Ausschlusses der Minderheitsaktionäre bestätigt. Die Flut von Gutachten beeindruckte Aktionärsvertreterin Bergdolt nicht. Die Abfindung sei "weder angemessen noch großzügig". Jetzt hätten die Gerichte das Wort. Beim Landgericht München sind Schadenersatzklagen anhängig.
Die HRE war vor einem Jahr in eine existenzbedrohende Schieflage geraten. Seither kann die Bank nur durch Liquiditätshilfen in Milliardenhöhe eines Konsortiums der Finanzwirtschaft und der Bundesbank sowie des Soffin vor der Pleite bewahrt werden. Vorstandschef Wieandt bezifferte die Höhe der derzeit in Anspruch genommenen Finanzhilfen auf 76 Milliarden Euro. Nach seinen Angaben könnte die Bank 2012 wieder in die Gewinnzone zurückkehren. Der Konzern sei aber bis dahin auf weitere Kapitalunterstützung dringend angewiesen.
Trotz Protesten zu Beginn der Versammlung war am späten Abend klar: Neuer HRE-Besitzer ist der Staat. Wer als Privatperson noch Anteile hatte, wird aus dem Unternehmen gedrängt und erhält 1,30 Euro pro Aktie als Entschädigung.
Berliner Zeitung, 06.10.2009