Die große Nokia-Lücke

Statt Handys werden in Bochum jetzt Blackberrys entwickelt. Doch Jobs bringt das kaum

von Annika Joeres

Wer im Bochumer Norden an den grauen Betonhallen des ehemaligen Nokia-Werks entlangläuft, kann dort Computer leise surren hören. Sie gehören zu Novero, einer Subfirma des finnischen Handy-Herstellers, der vor anderthalb Jahren fluchtartig die Ruhrgebietsstadt zugunsten eines neuen Werks in Rumänien verlassen hat. Der Produzent von Handyhalterungen Novero hat keine Nachbarn, auf dem Gelände herrscht Grabesstille. Früher haben hier 2.500 Menschen an ratternden Fließbändern Handys produziert.

Arbeiter werden nicht gebraucht

In die riesige Nokia-Lücke ist der größte Konkurrent gesprungen: Der kanadische Blackberry-Anbieter Research in Motion (RIM) hat eine Entwicklungsabteilung in Bochum eröffnet. Mit einem Marktanteil von knapp 20 Prozent liegt der Hersteller von mobilen Internet-Diensten immer noch deutlich vor Apple mit seinem iPhone und vor Nokia mit seinen Taschencomputern. Bei dem früher vor allem von Unternehmen und Beamten genutzten Spezialisten für E-Mail auf dem Handy waren im vergangenen Vierteljahr 80 Prozent der 3,8 Millionen Neukunden Privatleute. Blackberry hat nun weltweit 28,5 Millionen Kunden.

Nun soll in Bochum das nächste Modell "Bold" entworfen werden: Ein superflaches, laut RIM wesentlich leistungsstärkeres Blackberry als seine Vorgänger. Nur produziert wird es nicht in der Ruhrgebietsstadt. Alle 250 Ingenieure hat RIM übernommen, aber die Fließband-Arbeiter von Nokia braucht die Firma nicht: Die Kanadier arbeiten direkt auf dem Campus der Ruhr-Universität im Süden der Stadt. "RIM leckt sich die Finger nach den ehemaligen Nokianern", sagt Silvano Guidone. Der quirlige Betriebsrat von Nokia ist für die 200 Nokianer zuständig, die der Konzern noch behalten hat. Sie sollen bald in die Düsseldorfer Zentrale wechseln. Für Guidone ist RIM der "große Kriegsgewinnler". Der Konzern habe über Nacht 250 "erstklassige Ingenieure" übernehmen können. Tatsächlich sind bei RIM noch immer dutzende Ingenieur-Stellen unbesetzt, europaweit suchen Technologiefirmen händeringend nach diesen Entwicklern.

Den entlassenen Handy-Schraubern geht es hingegen wie vielen Arbeitslosen: Sie haben die vergangenen Monate in einer Transfergesellschaft verbracht. Die meisten von ihnen hatten zuvor Handys in Kartons verpackt - keine Tätigkeit, die sie für andere Branchen interessant machen könnte. "Es ist nicht gelungen, die passende Firma anzusiedeln", sagt Ulrike Kleinebrahm, IG-Metall-Bevollmächtigte in Bochum. Heute hat nur rund ein Zehntel der gut 2 500 Nokianer einen neuen Job. "Eine deprimierende Bilanz", so Kleinebrahm.

Dabei hat die ehemalige Bergbaustadt rund 60 Millionen Euro von Nokia erhalten. Damit wurde das Projekt "Wachstum für Bochum" gegründet, das 3.000 neue Jobs in den kommenden zehn Jahren verspricht. Allerdings dürften dabei kaum Jobs für die überwiegend weiblichen Packerinnen von Nokia herausspringen. Bis heute hat sich keine Firma neu auf dem ehemaligen Produktionsgelände angesiedelt. Die frühere Nokia-Bahn pendelt nun als "Glück-Auf-Bahn" zwischen Bochum und Gelsenkirchen. Der Bergmanns-Gruß steht aber wie Nokia für eine längst vergangene Epoche der Stadt.

Berliner Zeitung, 06.10.2009

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