Biosprit wird zum Ladenhüter

Durch die Rücknahme von Steuervorteilen bricht der Absatz ein. Die Branche fordert Hilfe

von Jakob Schlandt

Biosprit aus deutscher Produktion ist zu einem Minusgeschäft geworden, die Produktion bricht ein. Damit wirkt sich die drastische Kürzung der Biospritförderung durch den Bundestag voll auf den Markt aus. Wie aus dem Biokraftstoffbericht des Bundesfinanzministeriums hervorgeht, ist insbesondere reiner Biodiesel (B100) kaum noch verkäuflich. Im ersten Halbjahr 2009 kostete die Herstellung eines Liters Biodiesel in Großanlagen aufgrund der gestiegenen Besteuerung 10,43 Cent mehr als Diesel aus Erdöl, wie aus dem Bericht hervorgeht. Kleine Anlagen produzierten gar um 23,5 Cent teurer.

"Die Auswirkungen auf die Branche sind dramatisch", sagte der Geschäftsführer des Verbandes der Biokraftstoffindustrie (VDB), Elmar Baumann, der Berliner Zeitung. Nahezu die Hälfte der Kapazitäten zur Herstellung von Biodiesel in Deutschland lägen nun brach. Mehr als fünf Millionen Tonnen könnten pro Jahr produziert werden, es würden 2009 aber vermutlich nur 2,4 Millionen Tonnen hergestellt. "Von 49 Anlagen haben 17 die Arbeit eingestellt, drei sind insolvent und sieben produzieren nur stark eingeschränkt." Viele Betreiber zahlten nun drauf.

"Schaden für die Milchbauern"

Zwar steigt die Beimischung zum regulären Sprit leicht an. So werden dieses Jahr vermutlich zwei Millionen Tonnen Biosprit dem Diesel beigemischt, 2008 waren es nur 1,6 Millionen Tonnen. Bioethanol, das Benzin beigefügt wird, muss sogar zum Teil importiert werden. Doch gleichzeitig ist der Markt für B100, also reinen Biodiesel, völlig kollabiert. "Wir erwarten, dass nur 200 000 bis 400 000 Tonnen dieses Jahr verkauft werden", sagte Baumann. 2007 waren es noch 1,8 Millionen Tonnen gewesen, 2008 1,1 Millionen Tonnen.

Baumann sagte weiter, die Regierung habe nun selbst das Scheitern ihrer Biospritstrategie bezeugt: "So geht es nicht weiter. Nach der Bundestagswahl muss sofort etwas unternommen werden, um Biosprit wieder wettbewerbsfähiger zu machen." Im Sommer hatte der Bundestag rückwirkend zum Jahresanfang beschlossen, die Förderung von Biosprit drastisch einzuschränken.

In der deutschen Politik hatte sich seit Frühjahr 2008 die Stimmung nach einigen euphorischen Jahren, in denen bleibende, große Steuervorteile für Biosprit in Aussicht gestellt worden waren, innerhalb weniger Monate gedreht. Union, SPD wie auch Grüne bewerteten Biosprit nach Berichten über Umweltschäden in Entwicklungsländern und steigende Nahrungsmittelpreise deutlich negativer, Umweltorganisationen und Sozialverbände beklagten, Nahrungspflanzen gehörten auf Teller statt in Tanks. Der Steuervorteil für Biosprit wurde deshalb drastisch zurückgefahren. Die EU hält allerdings weiter an ihrem Ziel fest, bis 2020 zehn Prozent der Kraftstoffe aus erneurbaren Energien zu gewinnen, dazu zählt Biosprit.

Verbandschef Baumann sagte, die derzeitige Situation lasse das Ziel in weite Ferne rücken: "Wenn es so weitergeht, verliert Deutschland viele Produktionskapazitäten für Biokraftstoff." Bedenklich sei zudem, dass zukünftige Investoren durch die augenblickliche Situation abgeschreckt würden. "Da wurde eine Branche mit großen Versprechungen zu hohen Investitionen angestiftet - und nun lässt man sie hängen. In Zukunft werden sich viele überlegen, ob es nicht zu riskant ist, in Deutschland in erneuerbare Energien zu investieren."

Regierung beobachtet die Lage

Zudem, so Baumann, schadeten die Schwierigkeiten seiner Branche den deutschen Bauern, denn die derzeit extrem niedrigen Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse, darunter auch Milch, hingen mit dem Einbruch bei Biosprit zusammen. "Rapsöl zum Beispiel ist sehr billig geworden. Früher hat die Biokraftstoffindustrie drei Viertel der deutschen Ernte abgenommen, braucht nun aber viel weniger. Das hat die Preise gesenkt." Weil die Nahrungsmittelindustrie in vielen Fällen pflanzliche statt tierische Fette verwenden könne, wenn diese günstiger seien, habe dies auch Auswirkungen auf den Milchmarkt gehabt.

Die Bundesregierung bewertet die selbst attestierte Notlage der Branche indes äußerst nüchtern. Eine Überkompensation - also eine zu hohe Förderung - sei nicht festzustellen, also gebe es keinen Handlungsbedarf. Die Unterkompensation - die Tatsache also, dass Biosprit preislich nicht mehr konkurrieren kann - sei lediglich "weiterhin zu beobachten".

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Spottbilliges Rapsöl

An der Börse in Rotterdam sind die Rapsölnotierungen seit vorigem Jahr kräftig gesunken - wie viele Nahrungsmittelpreise. Verstärkt wurde der Verfall aber noch durch die sinkende Nachfrage aus der Biospritindustrie. Zahlreiche Bauern planen deshalb bereits, auf andere Feldfrüchte umzustellen.

Die meisten Umweltverbände halten die Entwicklung allerdings für einen Segen. Der BUND zum Beispiel fordert sogar eine komplette Abschaffung der Beimischung zu regulärem Sprit, der der Branche derzeit einen Mindestabsatz garantiert. Biosprit schütze das Klima nicht und gefährde die Natur.

Berliner Zeitung, 23.09.2009

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