Bundesregierung konstatiert Defizite und bietet Hilfe an
von Gerold Büchner
Trotz einer Aufholjagd weist die ostdeutsche Wirtschaft in der Exportorientierung weiterhin einen deutlichen Rückstand zum Westen auf. Der Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Verkehrs- und Bauminister Wolfgang Tiefensee (SPD), rief deshalb gestern zu verstärkten Bemühungen um neue Märkte im Ausland auf. Dabei könnten sowohl Bund und Länder wie auch die Industrie- und Handelskammern (IHK) Unterstützung leisten. Den Unternehmen in Ostdeutschland müsse die Chance einer stärkeren Exportorientierung deutlich gemacht und bei praktischen Problemen geholfen werden.
Nach einer Studie des Analyse-Instituts Prognos im Auftrag Tiefensees stiegen zwar die Warenexporte aus Ostdeutschland von 2002 bis 2008 um jährlich 10,8 Prozent. Dennoch liegt die Exportorientierung mit 20,3 Prozent klar unter dem westdeutschen Vergleichswert (34,5 Prozent). Ähnlich sieht es beim Umsatz des verarbeitenden Gewerbes aus: Im Osten beträgt der Exportanteil 30,6 Prozent, im Westen dagegen fast 45 Prozent. "Ostdeutsche Unternehmen nutzen ihre Exportchancen noch nicht vollständig", folgerten die Prognos-Forscher. Besonders gelte das für die Leitbranchen Fahrzeugbau, Elektro, Optik, Chemie und Maschinenbau, sagte der Leiter der Studie, Philip Steden.
Als Gründe nannte Tiefensee die kleinteiligen Strukturen in der ostdeutschen Wirtschaft und die Verkennung der Marktchancen im Ausland. Diese seien höher als die Risiken. Die größten Hürden sind allerdings laut Steden kulturelle Barrieren und mangelnde Kontakte vieler Ost-Firmen in potenziellen Zielländern für Exporte. Die Unternehmen ließen sich von unterschiedlichen rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen, von Bürokratie und möglichen Sprachproblemen abschrecken.
In diesem Bereich wolle und könne die Politik Hilfe leisten, sagte der Ost-Beauftragte der Regierung. Zu den konkreten Empfehlungen zählen ein Qualitätssiegel für Exportberater, der Ausbau von Kontaktbörsen zu "virtuellen Marktplätzen" und die engere Zusammenarbeit deutscher Firmen bei der Geschäftsanbahnung im Ausland. Ferner müssten bestehende Hilfsinstrumente für die Außenwirtschaftsförderung besser bekannt gemacht werden, forderte Steden.
In der gegenwärtigen Wirtschaftskrise wirkte sich die geringere Exportorientierung zwar zunächst positiv für die ostdeutschen Firmen aus: Die Folgen der Rezession bekamen sie weniger zu spüren. Tiefensee warnte aber, zeitlich versetzt werde sich die Krise auch hier bemerkbar machen. Sie biete allerdings dafür Chancen, neue Marktanteile von europäischen Wettbewerbern zu gewinnen.
Berliner Zeitung, 11.08.2009