Eklat statt Rettung

Porsche 911 © Porsche

VW-Patriarch Ferdinand Piëch lässt Porsche-Aufsichtsratssitzung kurzfristig sausen

von Daniel Baumann

Wenn sich die Familien Porsche und Piëch in geschäftlichen Dingen treffen, denn geht es traditionell heftig zu. Doch gestern kam es gar nicht erst soweit. Kurz vor der Sitzung des Porsche-Aufsichtsrates, wo die Rettung des Sportwagenbauers aus Stuttgart besprochen werden sollte, sagte VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch seine Teilnahme ab. Damit war der Eklat in dem emotional befeuerten Prozess nach den vielen Scharmützeln der vergangenen Woche perfekt.

Viele Lösungswege

Der Aufsichtsrat des mit neun Milliarden Euro verschuldeten Sportwagenbauers beriet gestern über Möglichkeiten, um aus der Finanzklemme zu kommen. Piëch spielt dabei eine entscheidende Rolle. Zum einen repräsentiert er die Familie Piëch, die den Sportwagenbauer gemeinsam mit der Familie Porsche besitzt. Zum anderen ist er VW-Aufsichtsratschef - und Volkswagen soll bei der Rettung von Porsche helfen. Geht es nach Piëch, würde Volkswagen Porsche übernehmen. Dagegen wehrt man sich in Stuttgart.

Noch vor der Aufsichtsratssitzung hatten tausende Porsche-Mitarbeiter gegen Piëch demonstriert. Auf Plakaten hieß es: "Ja zur Familie Porsche/Piëch - Nein zu F.K. Piëch." Ein VW-Sprecher wollte sich gestern nicht zu den Parolen äußern. Rettungsgespräche seien unter diesen Bedingungen aber nicht möglich.

"Das ist eine Hängepartie, die man sich im Moment wirklich nicht leisten kann", sagte dazu der Automobilexperte von der Fachhochschule Bergisch-Gladbach, Stefan Bratzel. "Der Streit hat eine sehr, sehr kritische Qualität in einer sehr, sehr kritischen Zeit erreicht." Die Auseinandersetzung zwischen den Familien Porsche und Piëch sei so hart wie noch nie in der von Zwistigkeiten geprägten Clan-Geschichte. Der Experte äußerte die Befürchtung, dass VW und Porsche riskierten, stärker von der Krise der Autoindustrie getroffen zu werden als nötig, da sie ihre Aufmerksamkeit nicht dem Tagesgeschäft widmeten. Er hob hervor, dass es für Volkswagen riskant sei, Porsche nun mit Milliardensummen zu helfen. Bratzel hat die Befürchtung, dass das Geld dann bei einer länger anhaltenden Absatzkrise fehlen könnte.

Porsche fehlen derzeit neun Milliarden Euro. Die Lücke ist durch die Übernahme von 51 Prozent an Volkswagen entstanden. Der Sportwagenhersteller dementierte gestern aber Berichte, wonach er einen Kredit von 3,3 Milliarden Euro bis Ende Mai zurückzahlen müsse. Der Kredit laufe bis März kommenden Jahres und könne ein weiteres Jahr verlängert werden, sagte ein Sprecher. "Wir sind nicht unter Druck." Dennoch habe der Schuldenabbau Priorität. Konzernchef Wendelin Wiedeking ist derzeit auf der Suche nach finanzstarken Investoren.

Wie eine Lösung am Ende aussehen wird, blieb gestern unklar. Je nach Interessenslage wurden verschiedene Möglichkeiten ins Spiel gebracht. Zum einen könnte der Sportwagenbauer Optionsgeschäfte, über die er weitere 23 Prozent an VW kontrolliert, verkaufen und damit mehrere Milliarden Euro einnehmen. Möglich wäre auch, das Sportwagengeschäft an VW zu verkaufen. Damit wäre die Porsche-Holding nur noch ein reiner Investor, der 51 Prozent der Stimmrechte an VW halten würde. Die dritte Option ist, dass Porsche und VW einen neuen Konzern mit völlig neuen Strukturen bilden. Damit würde Porsche von den VW-Rücklagen in Höhe von elf Milliarden Euro profitieren. Das Verfahren gilt aber als kompliziert, weil Standort-, Struktur- und Führungsfragen geklärt werden müssten. Alternativ wäre eine Kapitalerhöhung bei Porsche möglich, falls sich Investoren finden, die bereit sind, Geld in den Sportwagenbauer zu stecken.

Berliner Zeitung, 19.05.2009

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