"Radikale Stimmung unter den Arbeitslosen"

Streik Demonstration Arbeit (cc) Dan Gordon

Der Soziologe Klaus Dörre warnt vor einem Wutstau, der in Deutschland ausbrechen könnte.

Herr Dörre, in Frankreich werden Manager in Geiselhaft genommen, in Großbritannien wurden die Fenster des Exchefs der Royal Bank of Scotland eingeschmissen, in den USA gab es Demonstrationen vor den Privathäusern von Bank-Managern. In Deutschland hingegen gibt es zwar viel Empörung, von Gewalt sind die Bürger jedoch offenbar weit entfernt. Warum?

Der Grund ist eine spezifisch deutsche Kultur, die es auch vor der Krise schon gab. Wir haben das in der Vergangenheit beobachtet bei Standortschließungen. Ein Konzern entschied sich für das deutsche Werk, weil er relativ sicher sein konnte, dass hier bis zum Ende gearbeitet wird, dass es keine Sabotage gibt und dass man mit den Betriebsräten verhandeln kann. Man konnte sich also sicher sein, dass die Kollateralschäden bei Standortschließungen in Deutschland relativ gering bleiben werden - anders als in Spanien, Italien oder Frankreich. Es gibt in Deutschland eine lange Tradition, soziale Konflikte in normierten Bahnen ablaufen zu lassen.

Deswegen wird in Deutschland auch verhältnismäßig wenig gestreikt?

Ja. Die Gewerkschaften haben hier oft auf dem Verhandlungsweg größere Erfolge erzielt als auf dem Streikweg.

Und in den USA, in Frankreich?

In den USA sind die Gewerkschaften ziemlich schwach. Die haben gar nicht die Möglichkeiten wie hier, Konflikte zu kanalisieren. Es gibt dort eine Kultur des Gewerkschafts-Bashings, der Unterdrückung von Organisationen, die diese zusätzlich schwächt. Es gibt keine Betriebsräte oder ähnliche Mitbestimmungsgremien. In Frankreich liegt der Grad der gewerkschaftlichen Organisation in der Privatwirtschaft unter zehn Prozent. Franzosen können sich aber darauf verlassen, dass die Schwäche der Gewerkschaften durch die Straße ausgeglichen wird. Unabhängig davon, welche Regierung an der Macht ist: Wenn sie zu Maßnahmen greift, die ein Großteil der Bevölkerung ablehnt, kommt es zu Aufständen in den Straßen - seit der französischen Revolution. Es ist im Grunde eine anarchistische Tradition. Man misstraut den Organisationen seit jeher.

Die deutschen Führungskräfte sind also durch starke Gewerkschaften geschützt vor der Gewalt des Volkes?

Zum Teil, ja. Die Manager hierzulande sollten wirklich einen Lobgesang auf solcherart organisierte Arbeitsbeziehungen anstimmen. Wenn die Wirtschaftskapitäne und Arbeitgeber sich etwas Gutes tun wollen, sollten sie ihre Haltung gegenüber den Gewerkschaften rasch verändern.

Und der Rest der Bevölkerung? Hat diese organisierte Kooperation nicht auch Nachteile?

Sicher hat Kanalisierung von Protesten auch eine Kehrseite. Vielen Belegschaften und großen Teilen der Bevölkerung ist über Jahrzehnte eingeimpft worden, dass Verzicht im Namen der Wirtschaftlichkeit ein Sachzwang ist in Zeiten der Globalisierung. Außerdem kann man hier jeden davon überzeugen, dass er Teil des Problems ist, zum Beispiel in Gestalt von Aktienbesitz oder von Sonderzahlungen. In dem Gefühl, mit schuld zu sein und der gleichzeitigen Suche nach Sündenböcken wird viel Energie zerrieben - und zugleich staut sich Wut an, die dann sehr plötzlich ausbrechen kann.

Sie teilen die Sorge Josef Ackermanns, der seine Kollegen zum Maßhalten mahnt, weil er soziale Spannungen fürchtet?

Ich glaube, dass diese Sorge sehr begründet ist. Die Gerechtigkeitsmaßstäbe der Bevölkerung sind tief verletzt, das zeigen soziologische Untersuchungen. Dass ein Hartz-IV-Empfänger seine Barschaft transparent machen muss, ein Manager aber Boni bekommt für eine Misswirtschaft, die keiner versteht, das kann man nicht mehr vermitteln.

Sie fürchten eher einen Aufstand der Arbeitslosen als der Beschäftigten? Also von unten?

Auch von dort. Aber ebenfalls in den Belegschaften, die jetzt viele Jahre zurückgesteckt haben für sogenannte Standortsicherung und Beschäftigungsgarantien, wird sich etwas zusammenbrauen. Die stellen nämlich jetzt fest, die ganzen Anpassungsleistungen haben nichts gebracht, weil die Wirtschaft zerrütteter ist als vorher.

Wann ist die Schmerzgrenze erreicht?


Das kann man nicht genau sagen. Noch gab es keine Massenentlassungen. Spätestens im Frühsommer wird jedoch klar sein, dass das Ausmaß der Krise durch Kurzarbeit nicht mehr abzufedern ist. Außerdem gibt es bereits Spaltungen innerhalb der Arbeiterschaft - zwischen den Organisierten und denen ohne Lobby, also den Leiharbeitern. Dieses Maß an Unsicherheit kann sich zu einer ausgesprochen gefährlichen Situation verdichten.

Und dann? Kommt es dann auch in Deutschland zu Gewalttaten?


Das schließe ich nicht aus. Wenn in Deutschland mal Protest ausbricht, dann wird er auch sehr gründlich gemacht. Unter den organisierten Arbeitslosen herrscht bereits sehr radikale Stimmung. Wie die sich entlädt, kann man aber nicht sagen. Wir haben in Deutschland auch eine sehr schlechte Tradition: Wenn in Krisensituationen Protest ausbricht, schlägt er schnell nach sehr weit rechts aus. Man kann von Glück sagen, dass die NPD derzeit so zerrüttet ist, dass es am rechten Rand keine organisierte Kraft gibt. Und ich glaube, dass auf die Linkspartei die große Verantwortung zukommt, den Protest in demokratischen Bahnen zu halten.

Sind Aktionen wie Entführung und Vandalismus gerechtfertigt?

Man muss sich schon fragen, ob es sinnvoll und richtig ist, Manager in Geiselhaft zu nehmen. Schließlich wird hier eine Systemkrise in einer Weise personalisiert, die eigentlich kontraproduktiv ist. Manager bekommen eine Sündenbockfunktion. Ich will damit nicht sagen, dass sie keine Verantwortung tragen. Die tragen sie aber innerhalb bestimmter Handlungskorridore, als Einzelne sind sie für diese veritable Systemkrise nicht haftbar zu machen - oder: nur im Rahmen bestehender Gesetze und nicht auf dem Weg des individuellen Terrors.

Das Gespräch führte Barbara Weitzel.

Berliner Zeitung, 14.04.2009

Weitere Wirtschaftsnews