Ein Land im Abwrackfieber


von Jörg Michel

Es kam, wie es kommen musste. Kaum hatte die Bundesregierung gestern die neue Internetseite zur Reservierung der Abwrackprämie freigeschaltet, brach das System wegen des enormen Ansturms zusammen. Die telefonische Hotline der verantwortlichen Behörde war deswegen stundenlang blockiert, Autohändler machten ihrer Wut im Internet Luft, tausende verärgerte Kunden bangten um ihre Prämie.

Deutschland im Abwrackfieber: Kaum ein Regierungsprojekt löst so viele Emotionen, so viele Debatten aus wie die Prämie zugunsten der Autoindustrie. Da gibt es Schnäppchenjäger, die seit Wochen Autohäuser abklappern auf der verzweifelten Suche nach einem Wagen, den sie vielleicht brauchen könnten. Da gibt es Ehemänner, die ihre Frauen mit immer neuen Hochglanzprospekten nerven. Da gibt es Rentner, die noch nie ein Auto hatten, sich jetzt aber bei der Fahrschule anmelden.

Auch in der Politik wird inbrünstig über jedes kleinste Detail gestritten. Mal geht es um die Förderbedingungen für Hartz-IV-Empfänger, mal um die für Erben, für Fahrradfahrer, für Autodiebe. Mal um die Frage, ob auch Käufer von Kühlschränken, Kaffeemaschinen oder Möbel Geld bekommen. Mal darum, ob der Fahrzeugbrief im Original oder in Kopie nötig ist. Nur die Debatte, ob Zahnarztgattinnen von der Abwrackprämie profitieren sollten, gibt es nicht.

Der Hype um die Prämie hat eine Dimension erreicht, als hinge nur von ihr das Wohl und Wehe des ganzen Landes ab. Als könne der wirtschaftliche Niedergang allein durch sie gestoppt werden. Was für eine Illusion! Gerade einmal 1,5 Milliarden Euro gibt es für die Abwrackprämie, vielleicht ein paar Cent mehr. Für die Konjunkturpakete dagegen sind es 80 Milliarden Euro, für die Bankenrettungsschirme bürgt der Staat mit 400 Milliarden Euro. Von den sonstigen Milliardenrisiken der Krise ganz zu schweigen. Diese Summen sind so aberwitzig, dass sie die normale Vorstellungskraft übersteigen.

Dagegen sind die 2 500 Euro für das Verschrotten leicht zu begreifen. Sie verleiten zur Annahme, der Staat tue mit dem Geld endlich auch uns etwas Gutes. Jedenfalls dann, wenn wir pfiffig genug sind, einen Teil des Kuchens zu ergattern. Dabei finanzieren wir Bürger die Prämie ja selbst, indem wir unsere Steuern zahlen. Das Geld ist also sowieso unseres. Wir stopfen damit auch die Löcher in den Bankenbilanzen, Haushalten, Firmenkassen. Fast kommt einem das bisschen Abwrackprämie da vor wie ein Almosen für den krisenmüden Bürger. Frei nach dem Motto: Milliarden für die Banker, Brotkrumen für das Volk.

Selbst die Wirtschaft hat auf Dauer ja kaum etwas vom Schlussverkauf auf den Herstellerhalden. Sie wird langfristig wegen der Prämie nicht mehr Autos verkaufen, höchstens einige davon früher. Was die Autohändler als Umsatz gewinnen, geht bei den Einzelhändlern verloren. Jeder Euro kann ja nur einmal ausgegeben werden. Der Umwelt schließlich ist auch nicht gedient, wenn die alten Ladenhüter dank Prämie doch noch einen Käufer finden.

Fast möchte man sich also wünschen, dass der Regierungsserver nicht wieder anspringt. Dann wäre der Abwrackstress vielleicht vorbei. Doch dieser Wunsch wird wohl unerfüllt bleiben, da das staatlich geförderte Abwracken eine Eigendynamik erreicht hat, die sich kaum noch stoppen lässt. Die Regierung hat die Aktion also verlängert, obwohl sie das gar nicht wollte. Sie ist Opfer ihrer eigenen Illusion geworden.

Berliner Zeitung, 31.03.2009

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