China, Japan und Südkorea leiden stärker unter der Finanzkrise als bislang angenommen.
von Justus Krüger
In den vergangenen Jahren sah es so aus, als sei das asiatische Jahrhundert schon fast angebrochen. China verblüffte mit immer erstaunlicheren Wachstumszahlen. Japan hatte sich aus der Rezession gekämpft und wuchs solide, und auch Südkorea war seit Langem auf Erfolgskurs. Jetzt aber zeigt die Finanzkrise, wie stark die großen ostasiatischen Volkswirtschaften vom Rest der Welt abhängig sind.
Wie gestern bekannt wurde, verlangsamte sich das chinesische Wirtschaftswachstum im letzten Quartal 2008 auf die Jahresrate von 6,8 Prozent. Die südkoreanische Volkswirtschaft schrumpfte im selben Zeitraum um 3,4 Prozent. Und schließlich stürzten die japanischen Exporte im Dezember im Vergleich zum Vorjahresmonat um nicht weniger als 35 Prozent ab. Das ist der größte Rückgang, den das Land je zu verzeichnen hatte. Japans Notenbank rechnet mit mindestens zwei Jahren Rezession.
Kein Ausgleich für den Export
"Die jüngsten Daten tragen die Vorstellung zu Grabe, dass Asien irgendwie wachsen könnte, selbst wenn es dem Rest der Weltwirtschaft schlecht geht," sagt Kirby Daley, Ökonom des Hongkonger Wertpapierhändlers Newedge Group. "Die Idee, dass der Handel in der Region unabhängig von der Nachfrage aus den USA für Wachstum sorgen kann, ist erledigt."
Besonders hart erwischt es Japan. Nach zehn Jahren Wirtschaftsflaute im Gefolge einer hausgemachten Finanzkrise in den Achtzigern und Neunzigern brachte die Reformpolitik des früheren Premiers Junichiro Koizumi das Land zurück auf Wachstumskurs. Die Konjunktur hing zum größten Teil von Exporten in den Westen ab. Jetzt aber geht es sämtlichen japanischen Absatzmärkten schlecht. "Weil sich das Wachstum nun auch in Asien und in den großen Entwicklungsländern verlangsamt, gibt es nichts, was die japanischen Exporte in Schwung bringen könnte," sagt Yoshiki Shinke, Ökonom bei der japanischen Versicherung Dai-ichi Life. Was Japan so bald wieder aus der Rezession holen soll, ist nicht abzusehen. Ein von den Geschicken der übrigen Welt unabhängiger, ostasiatischer Wirtschaftsraum ist es jedenfalls nicht.
"Es sieht wirklich ziemlich düster aus für die nächste Zeit," sagt David Cohen, Chefökonom beim Wirtschaftsforschungsinstitut Action Economics Singapur, in Hinblick auf die Region. Davon ist auch China nicht ausgenommen. "Die internationale Finanzkrise verschärft sich und entfaltet einen anhaltenden, schlechten Einfluss auf die heimische Wirtschaft", sagte Ma Jiantang, Kommissar beim chinesischen Statistikamt, gestern auf einer Pressekonferenz in Peking. Inzwischen sind nicht mehr nur die direkt vom Export abhängigen Industriezweige betroffen. Seit Oktober sei zu beobachten, dass die Auswirkungen der Krise sich von den exportorientierten Küstenregionen ins Innere Chinas ausbreiten.
Die Gründe für die schlechte Lage sind in China dieselben wie im Rest Ostasiens: Zu sehr hat das Land sich auf den Erfolg seiner Exporte verlassen. Die schrumpften aber im Dezember um gut zwei Prozent - nachdem sie noch im November um 13 Prozent gewachsen waren. Allein in den Exportzonen des südchinesischen Perlflussdeltas sind in den vergangenen Monaten mindestens zwei Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen.
Das Land ist bis jetzt schlecht gerüstet, seine Handelsprobleme mit heimischem Konsum aufzufangen, denn China hat sich seine Konkurrenzfähigkeit nicht zuletzt mit billigen und daher ungenügenden sozialen Sicherungssystemen erkauft. Um selbst für die Ausbildung der Kinder und für Gesundheits- und Altersvorsorge aufzukommen, legen chinesische Familien bis zu 50 Prozent ihres Einkommens auf die hohe Kante. Ihre Konsumlust hält sich daher in Grenzen. "Ein Umschwung hängt in dieser Situation von staatlichen Interventionen ab," meint Jing Ulrich, Vorsitzende der China Equities Sparte bei JP Morgan. Peking sieht es offenbar genau so: Schon im November beschloss die chinesische Regierung ein Konjunkturprogramm im Umfang von 456 Milliarden Euro.
"Damit versucht Peking, das Wachstum von Handel auf Konsum umzustellen," so Jing. "Aber das geht nicht über Nacht."
Berliner Zeitung, 23.01.2009