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Interview: 8 Fragen an ...
Interview mit der Hauptgeschäftsführerin der IHK zu Neubrandenburg, Petra Hintze von Burghardt Heller, M&M Medien und Marketing GmbH Neubrandenburg
1. Die vielzitierte Wirtschaftkrise hat angeblich das „flache Land“ noch nicht erreicht. Können Sie dieser Einschätzung bezogen auf Ihren Kammerbezirk zustimmen?
Ja, dem stimme ich zu. Die Finanz- und Wirtschaftskrise scheint bisher nur partiell bei den Unter¬nehmen angekommen zu sein. Die überwiegend regional orientierten Unternehmen sind nicht so vom Export und den Schwankungen des Weltmarktes abhängig. Zwar macht sich keine Euphorie breit, dennoch wurden solide Ergebnisse erreicht, die auch auf weitere beständige Wirtschaftstätigkeit schließen lässt.
Natürlich haben wir hier auch Unternehmen, die für den Schiffbau und die Automobilindustrie zuliefern. Gleichzeitig verzeichnen z.B. die Autohändler ein Plus durch günstige Konjunktur¬anreize wie die Abwrackprämie. Auch im Konsumverhalten der Verbraucher gab es keine Einbrüche.
Für die Umfrage zum Herbst wurden ca. 570 Unternehmen angeschrieben. Antworten haben wir bisher von ca. 220 Unternehmen erhalten (39 % Unternehmensantworten).
Die wirtschaftliche Situation in der Region hat sich nach Darstellung der Unternehmen gegen¬über dem Frühjahr etwas verbessert, die Erwartungen sind gleichbleibend. Damit sind die Einschätzungen etwas erfreulicher als im Frühjahr, wenngleich der Saldo negativ bleibt. Betrachtet man weiterhin die Bewertungen der Investitionen sowie die Beschäftigungspläne der Unternehmen, sind auch hier bessere Werte als im Frühjahr zu verzeichnen. Investitio¬nen werden überwiegend für Rationalisierung und Ersatzbedarf eingesetzt. Die Beschäfti¬gungs¬pläne sehen überwiegend gleichen Personalbestand vor.
2. Stichwort Werftenkrise. Ist der Standort Wolgast ein Krisenthema?
Nein, dank der hohen Spezialisierung kann von einer Krise im Bereich der Werften nicht gesprochen werden. In jüngsten Pressemitteilungen der Wolgaster Werft hat sich das Unter¬nehmen auf den Bau von Spezialschiffen für den militärischen Einsatz, auf Notfallschlepper und Schiffe für die Nutzung im Offshore-Bereich spezialisiert.
3. Sind Werften-Zulieferer in Ihrem Verantwortungsbereich gefährdet?
Die Gesamtzahl der betroffenen Zuliefer- und Dienstleistungsunternehmen in Mecklen¬burg-Vorpommern beläuft sich auf gesamt etwa 170. Im Bereich der IHK zu Neu¬bran¬denburg sind sieben Unternehmen von der WADAN-Insolvenz betroffen. Allein die uns bekannten Forderungsausfälle unserer Mitgliedsunternehmen belaufen sich auf rund 1,7 Millionen Euro, landesweit liegt sie bei mindestens 30 Millionen Euro. Ein Großteil dieser Forderungen ist nicht besichert, sodass im Rahmen der Insolvenz mit einem Totalausfall zu rechnen ist.
Die Wirtschaftskammern des Landes (3 IHKs, 2 HWKs) haben sich der Probleme der Zulieferbetriebe ange¬nommen. Kurzfristig wurden Informationsveranstaltungen für Wadan-Zulieferer an den beiden Werft-Standorten von den Kammern organisiert. Durch die Zusammen¬stellung einer Gläubigerliste mit Forderungshöhe und Sicherungsrechten wurde der Kontakt zum Pool der Warenkredit¬versicherer hergestellt. Die Gruppe der besicherten Poolgläubiger konnte dort beitreten.
Für den Kammerbezirk der IHK zu Neubrandenburg sind die befürchteten schlimmen Folgen bislang nicht eingetreten. Weder hatten wir Folgeinsolvenzen für unsere Betriebe noch ist eine verstärkte Inanspruchnahme des Runden Tisches zu verzeichnen. Die Begleitung der Unternehmerrunden durch die Kammern ist von den Unternehmen sehr positiv bewertet worden. Die individuelle Beratung und Unterstützung steht weiterhin jedem betroffenen Unternehmen zur Verfügung.
4. Unser Land wird vom Mittelstand geprägt. Erweist er sich als Stabilisator der Wirtschaft in Mecklenburg- Vorpommern?
Ja, unbedingt. ...
5. Das Wetter dieses Sommers war bisher durchwachsen, aber doch sehr sommerlich. Klingelt in der Tourismusbranche die Kasse?
Mecklenburg-Vorpommern liegt inzwischen bei den klassischen Urlaubsreisen (ab fünf Tage) auf Platz zwei der Beliebtheitsskala, knapp hinter dem langjährigen Spitzen¬reiter Bayern. Ganz allgemein lässt sich ein Trend zum Urlaub in der Heimat verzeich¬nen. Müritz statt Mallorca, heißt die Devise. Die Gründe sind vielfältig: Natürlich hat das etwas mit der Wirtschaftskrise zu tun. Preisvergleiche zeigen, dass der Strandurlaub an der Ostsee um ein Drittel preiswerter ist als ein vergleichbarer Urlaub in Italien, Spanien und sogar der Türkei.
Eine wichtige Rolle spielen auch die attraktiver gewordenen Unterkünfte und Freizeit¬angebote. Auch der demographische Wandel leistet seinen Beitrag, denn ältere Menschen wollen sich längere Flugzeiten und extreme Klimabedingungen nicht mehr zumuten, setzen auf den Gesundheitstourismus, bei dem sich Mecklenburg-Vorpommern stetig etabliert.
Die Tendenz zum Urlaub in der Heimat stellen auch die Hoteliers und Gastronomen in der Kammerregion Neubrandenburg fest. Mit dem Geschäft in der Hochsaison sind sie zufrieden. Unsere Umfrageergebnisse zeigen, dass die Buchungslage in diesem Jahr durch¬gehend gut ist, auch wenn das gesamte Gastgewerbe von Januar bis Mai einen Umsatz-Rückgang von ca. 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnete (Erhebung des DEHOGA MV). Die Anzahl der Gästeankünfte im Mai stieg um 2,2 Prozent auf insgesamt 748.000. Für den Zeitraum Januar bis Mai 2009 konnten die Beherbergungsbetriebe mit 7,6 Millionen Übernachtungen ein leichtes Plus von 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum verbuchen.
6. Wer sind die Favoriten?
Hauptziel der Urlauber ist nach wie vor die Ostsee. Für den Zeitraum Januar bis Mai 2009 stieg die Zahl der Übernachtungen um 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch die Anzahl der Übernachtungen in der Mecklenburgischen Schweiz und Seenplatte stieg in diesem Zeitraum um 1,4 Prozent. Aber auch die Haffregion etabliert sich zunehmend als Tourismuszentrum. Als Beispiel mag die Stadt Ueckermünde gelten. Hier hat sich seit der Wende die Zahl der Urlauber verfünffacht. Und zur Steigerung der Attraktivität dieser Region ist die Schaffung eines Fähranlegers für eine Autofähre zwischen Ueckermünde und der Insel Usedom ab dem Jahr 2011 geplant.
7. Sie haben als IHK eine sehr enge Bindung zu Partnern im Nachbarland Polen. Wo liegen derzeit die Schwerpunkte gemeinsamen Handelns?
Das Haus der Wirtschaft in Stettin, das die IHK zu Neubrandenburg als Projektträger begleitet, hat sich in den Jahren seines Bestehens zu einem nicht mehr wegzuden¬kenden Kontaktzentrum für die deutsch-polnische Unternehmerlandschaft entwickelt. Das Interesse nach den Leistungen hält sich beständig auf einem konstant hohen Niveau. Die 500 Beratungsgespräche und 400 schriftlichen Anfragen pro Jahr sprechen eine deutliche Sprache. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Vermittlung von Geschäftskontakten. Pro Jahr werden etwa 1000 Kontaktdaten vermittelt.
Branchenspezifisch ist das Interesse nach Handelsbeziehungen in der Baubranche nach wie vor sehr hoch. Deutsche Unternehmen aus dem Metall verarbeitenden Gewerbe sind sehr an Auftragsvergaben in Polen interessiert. Zuwächse verzeichnen auch die Umweltbranche und Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien. Da besteht ein sehr großes Interesse auf dem polnischen Markt, beispielsweise was die Nutzung von Biomasse und Windkraft angeht.
Einen beachtlichen Stellenwert nimmt inzwischen auch die berufliche Aus- und Weiterbildung ein. Durch grenzübergreifende EU-Projekte im Rahmen des Interreg-Programms wird die gemeinsame Bildungs¬infrastruktur durch die Schaffung von Bildungszentren erweitert. Abschließend will ich noch auf den Tourismus verweisen. Trotz der Hindernisse, Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu erhalten, wird der auf deutscher Seite herrschende Fachkräftemangel in Hotels und Gaststätten auch durch polnische Fachkräfte kompensiert.
8. Gefährdet das polnische Vorhaben zum Bau eines Kernkraftwerkes in der Nähe Stettins diese guten Beziehungen?
Dieses Thema spielt bislang keine Rolle. Der Standort Gryfino befindet sich in einem Natur¬schutzgebiet und spielt auf der Liste möglicher Standorte nur eine unter¬geordnete Rolle. Zudem herrscht in dieser Angelegenheit Stillstand, seit einem halben Jahr haben uns keine neuen Erkenntnisse erreicht.
Das Interview führte Burghard Heller von der M&M Medien und Marketing GmbH Neubrandenburg
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