Fachkräfte: Wettlauf um die Besten

Arbeitnehmer Wanted © hofkurier

Fachkräfte sind begehrt und rar. Kleine Unternehmen können bei der Suche erfolgreich punkten, wenn sie klug und kreativ handeln.

von Andreas Müller-Seedorff

Trotz schwacher Konjunktur und steigender Arbeitslosigkeit: In etlichen Branchen mangelt es an qualifizierten Spezialisten. Auch in Berlin, auch in kleinen und mittleren Unternehmen. Sicher ist: Die Anzahl nicht besetzbarer Stellen wird steigen, in nahezu allen Branchen. Geeignete Rahmenbedingungen und vorausschauende Unternehmen sind nötig beim Wettbewerb um die wichtigste Ressource: die Fachkraft.

„Wir suchen schon seit Jahren! “ Geschäftsführer Andreas Dreher sitzt in seinem Büro im zweiten Stock des GSGHofs in der Plauener Straße in Lichtenberg. Er schaut Richtung Westen, dahin, wo an der Technischen Universität genau die ausgebildet werden, von denen er gern noch ein paar mehr hätte: IT-Spezialisten. Die sind für die Firma M-UniComp Verkehrssysteme GmbH unabdingbar, der Markt gilt als äußerst innovativ. Für ein bis zwei Software-Entwicklungs-Ingenieure wäre noch Platz, ebenso für Mitarbeiter im Service und Projektmanagement. „Aufträge gehen nicht verloren. Wir arbeiten mit externen Dienstleistern zusammen. Das hält zwar den Umsatz, drückt jedoch die Erträge.“

Eigene Ausbildungen seien zu aufwendig. „Wir sorgen aber für ein gutes Betriebsklima, um unsere Mitarbeiter zu halten.“ Auch auf eine ausgewogene Altersstruktur werde geachtet. Die Spanne innerhalb der Belegschaft reicht von 23 bis 62 Jahren. Doch M-UniComp mit seinen zwölf Mitarbeitern fällt es schwer, gute neue Leute zu finden. „Beim Gehalt kommen wir nicht an gegen große Unternehmen. Überdies suchen gute Entwickler keinen Job, die haben einen. Wir punkten hingegen mit dem interessanten Thema Verkehrssysteme und damit, dass Mitarbeiter bei uns eigene Ideen einbringen können.“

Fachkräftemangel ist kein neues Thema. Schon vor sieben Jahren sprachen wir im Hofkurier mit der damaligen Geschäftsführerin von M-UniComp. Auch damals fehlten Leute. In vielen Branchen, die händeringend nach geeigneten Ingenieuren, Naturwissenschaftlern oder Technikern suchen, ist der Mangel schon heute chronisch. Prognosen der Bundesregierung zufolge werden von 2014 an zwischen 180.000 und 490.000 Akademiker fehlen – wegen höherer Anforderungen und geburtenschwacher Jahrgänge.

Fachkräftemangel in Berlin gestiegen

Neu am Thema aber ist, dass sich der Fachkräftemangel absehbar durch immer mehr Branchen und alle Unternehmensgrößen zieht. Engpässe drohen auf breiterer Front. „Auch in Berlin“, bestätigt Dr. Petra König, Bereichsleiterin Wirtschafts- und Finanzpolitik bei der Berliner IHK. „Der Anteil der Unternehmen, die offene Stellen nicht besetzen können, verdoppelte sich nahezu zwischen 2005 und 2007 auf 40 Prozent.“ Vor allem Dienstleistungsgewerbe, Industrie und Baugewerbe seien auf der Suche – nach Ingenieuren und Kaufleuten, nach Akademikern und dual ausgebildeten Facharbeitern. Jenseits der reinen Technologiebranchen, die schon seit Jahren über personelle Engpässe klagen, gibt es eine, die nicht minder leidet: die Gesundheitswirtschaft. Sie beschäftigt 350.000 Menschen, gilt als wichtigster Erwerbszweig in Berlin-Brandenburg. Grund genug, sich einmal ganz genau mit den Verhältnissen auf diesem Fachkräftemarkt zu befassen.

Dies war Aufgabe eines Fachkräfte-Monitorings, dessen Ergebnisse im Februar 2009 veröffentlicht wurden. Unter Leitung des Netzwerks HealthCapital Berlin-Brandenburg entstand ein in seiner Detailtiefe bislang einmaliger Datenfundus. Heraus kam: Der Fachkräftebedarf wächst rasant und viel schneller als erwartet. Gründe hierfür sind vor allem das vergleichsweise hohe Alter des Personals, die Vielzahl bevorstehender Verrentungen sowie die sinkende Ausbildungsquote. Die Lücken durch Neueinstellungen zu schließen, gelingt kaum. Knapp die Hälfte aller Unternehmen hat freie Stellen. Nur eine gezielte Arbeitsmarktpolitik auf der einen, innovative Aus- und Weiterbildungen sowie neue Beschäftigungsformen auf Seiten der Betriebe können verhindern, dass die Branche in einen akuten Mangel schlittere.

Kleine Unternehmen sollten mehr Flagge zeigen

Wer beim Poker um die Fachkraft die Nase vorn hat – große, mittlere oder kleine Unternehmen – ist übrigens längst nicht mehr so eindeutig zu sagen. Sicher kommen Großunternehmen noch immer leichter ran an Spitzenleute. Sie bieten meist höhere Gehälter und komfortablere Positionen. Nur, sicherer sind die Jobs dort nicht, im Gegenteil. Etliche Umfragen, beispielsweise im Mittelstandsreport Sommer 2009, belegen dies. Hinzu kommt, dass sich der mittelständische Mitarbeiter aus verschiedenen Gründen stärker mit dem Unternehmen identifiziert, sich im Kleinen schlicht wohler fühlt. Etwa, weil er sich kreativer und freier entfalten und mehr mitentscheiden kann oder sich über maßgeschneiderte Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie freut. So wird die Firma zur eigenen Sache. Diese ehemals weichen Faktoren dürften für die Fachkraft der Zukunft immer interessanter werden. Bedingt durch flache Hierarchien und überschaubare Belegschaften haben kleine Unternehmen hier Vorteile. Sie können sehr viel zügiger Angebote für ein lebensgerechteres Arbeitsumfeld entwickeln.

Doch diese Vorzüge müssen auch zu denen dringen, um die es geht: die Fachkräfte. Kleine Unternehmen sollten mehr Flagge zeigen, fordert daher Dr. Altfried Lütkenhaus von der DZ BANK in einem Gespräch mit dem Internetportal MittelstandDirekt. Etwa „durch Auftritte in der Öffentlichkeit, durch Anzeigen in der regionalen Presse, gezieltes Sponsoring oder einen Tag der offenen Tür“. Sinnvoll sei es ebenso, gezielt auf bestimmte Institutionen wie die Fachhochschule vor Ort zuzugehen. Diese Maßnahmen kommen dem nahe, was seit Ende der 90er-Jahre unter Employer Branding bekannt ist, übersetzt Arbeitgebermarkenbildung. Sie soll helfen, ein Unternehmen als attraktiven Arbeitgeber darzustellen und von anderen positiv abzuheben. Doch Employer Branding ist einer Studie der Unternehmensberatung BBDO Consulting zufolge bei über 80 Prozent der Mittelständler nicht vorhanden. Da schlummern noch viele Möglichkeiten.

Unternehmen helfen sich selbst

Auch regionale Firmenzusammenschlüsse können helfen, die Ausbildungs- und Fachkräfteproblematik ein Stück weit zu mildern. Ein Beispiel ist das Unternehmensnetzwerk Motzener Straße in Marienfelde. Was 2005 als Einkaufsgemeinschaft Einkaufsgemeinschaft für den Bezug von Heizöl begann, ist mittlerweile zu einem Verbund mit Austausch auf vielen Ebenen geworden. „Die machen einfach das, was in dörflichen Regionen normal ist: Sie halten guten Kontakt zu ihren Nachbarn“, erklärt Uwe Luipold vom Beratungsbüro Regioconsult. Im Mittelpunkt der Arbeitsgruppe Personal stehen Weiterbildungsmaßnahmen für die Mitarbeiter der Mitgliedsfirmen sowie die Zusammenarbeit der Unternehmen in Aus- und Weiterbildung. Die Arbeitsgruppe Schulkooperationen wiederum kurbelt den Austausch zwischen Unternehmen und Schulen an. Hier werden Praktikums- und Ausbildungsplätze an Schüler von sieben Schulen vermittelt, mit denen das Netzwerk kooperiert. Schulpatenschaften, Betriebsbesichtigungen sowie ein Stammtisch für Lehrer und Unternehmer runden das Spektrum ab. Selbst eine von 6 bis 21 Uhr geöffnete Kindertagesstätte wurde initiiert.

Alles richtige Schritte, dennoch: „Der Fachkräftemangel wird zunehmen. Insbesondere in Berlin mit seiner starken Orientierung auf Hochtechnologien“, sagt Dr. Petra König von der IHK. Trotz der hohen Lebensqualität Berlins: Bei Hochqualifizierten entscheide letztlich die wirtschaftliche Standortqualität. „Wenn Berlins Wirtschaft weiter zulegen kann, hat die Stadt gute Chancen, künftig weniger vom Fachkräftemangel betroffen zu sein als andere Regionen.“ Berlin bietet gute Voraussetzungen – umsichtige Unternehmen und eine intelligente Standortpolitik vorausgesetzt. Ein Lichtblick auch für Andreas Dreher und M-UniComp.


TIPP: Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel

  • mehr und besser ausbilden
  • intern Karriereperspektiven bieten
  • Ältere und Migranten stärker einbeziehen
  • mehr Frauen für technische Berufe gewinnen
  • gutes Betriebsklima schaffen
  • flexible Arbeitszeiten anbieten
  • Beruf und Familie vereinbar machen
  • Arbeiten von zu Hause ermöglichen
  • regelmäßige Weiterbildungen anbieten
  • Unternehmen als „Marke“ bekannter machen
  • Kontakte suchen zu Schulen und Hochschulen
  • finanzielle Anreize (Gehalt, Sonderzahlungen, Dienstwagen) schaffen

12.10.2009

Infos & Tipps

Dieser Artikel stammt aus dem hofkurier, der Zeitung für das Berliner Gewerbe, herausgegeben von der ORCO-GSG.
Die aktuelle Ausgabe des hofkuriers finden Sie jeweils hier.

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