"Junge Physiker haben wenige Perspektiven"

Physikformel auf Schultafel © Daniel Kummetz, pixelio.de

Tagungsleiter Eckehard Schöll über Stellenmangel und Abwanderung ins Ausland

Seit gestern tummeln sich einige Tausend Physiker aus mehr als dreißig Ländern auf dem Gelände der Technischen Universität (TU) Berlin in Charlottenburg. Die Berliner Universität ist in diesem Jahr Gastgeber der 72. Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). Im Mittelpunkt der Konferenz steht die Festkörperphysik. Aber auf dem Kongress geht es auch um politische Themen, sagt Tagungsleiter Eckehard Schöll von der TU Berlin.

Herr Professor Schöll, in welche Richtung entwickelt sich die Physik derzeit?

Die Strukturen, die wir untersuchen, werden immer kleiner. In der Nanophotonik ist es inzwischen möglich, Laser aus wenigen Nanometer (milliardstel Meter) großen Bausteinen herzustellen. Ein wichtiges künftiges Anwendungsgebiet solcher Laser ist die schnelle Datenübertragung mithilfe von Licht. Die Aktivitäten in diesem Bereich bündelt der in diesem Jahr gegründete Sonderforschungsbereich Halbleiter-Nanophotonik an der TU Berlin.

In welche neuen Materialien setzen die Physiker momentan die größten Hoffnungen?

In den letzten Jahren ist es gelungen, Kohlenstoffschichten herzustellen, die nur eine Atomlage dick sind. Diese Schichten lassen sich zu sogenannten Nanoröhrchen zusammenrollen. Solche Röhrchen sind verblüffend stabil, haben eine erstaunlich hohe Leitfähigkeit und sind daher ein sehr vielversprechender neuer Werkstoff. Daraus gefertigte Schaltelemente könnten künftig in einigen Anwendungen klassische Silizium-Chips ersetzen.

Geht es auf der Tagung auch um Forschungsgebiete, die über die klassische Physik hinausgehen?

Es gibt spannende Entwicklungen in der biologischen Physik, zum Beispiel in der Hirnforschung. Bei Krankheiten wie Parkinson oder Epilepsie feuern alle Neuronen in einem bestimmten Bereich des Gehirns gleichzeitig. Methoden aus der Physik können helfen, solche komplexen Vorgänge besser zu verstehen. Darüber hinaus gibt es einen recht neuen Arbeitskreis in der DPG, der sich mit sozioökonomischen Systemen beschäftigt. Die Physiker in diesem Arbeitskreis erforschen, wie sich physikalische Methoden auf Gebiete außerhalb der Physik übertragen lassen. So können Verfahren der statistischen Physik unter anderem dabei helfen, das Auf und Ab der Finanzmärkte, den saisonalen Verlauf von Bundesligaspielen, die Ausbreitung von Epidemien oder das Verhalten einer Menschenmenge bei einer Massenpanik besser zu verstehen.

Gibt es noch andere Bereiche, in denen sich Physiker mit gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzen?

Ja, beispielsweise die Klima- und die Rüstungspolitik. Diese Themen gehen sowohl Physiker als auch Nicht-Physiker etwas an. Am Donnerstag Abend wird der Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, Hartmut Graßl, einen wegweisenden Vortrag über den Klimawandel halten. Und am Freitag wird sich der renommierte Physiker Theodore Postol vom Massachussets Institute of Technology kritisch zu dem von den USA in Polen und Tschechien geplanten Raketenabwehrschild äußern.

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