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Herlitz' letzte Chance ist Pelikan
von Peter Kirnich
Einst residierte das Management des Berliner Herlitz-Konzerns im teuer restaurierten Borsigturm, hoch oben im Norden Berlins. Das war in den 90er Jahren, als die Berliner Wirtschaft in ihrer tiefsten Krise steckte, es dem Schreibwarenhersteller dagegen blendend ging. Doch es dauerte gar nicht lange, da wurde aus dem Berliner Leuchtturm auf dem Borsiggelände ebenfalls ein Sorgenkind der Stadt.
Das ist Herlitz auch heute noch - obwohl, oder besser gesagt, gerade weil Konkurrent Pelikan nun die Berliner übernimmt. Viele Jahre lang hatte man es im Hause Herlitz ausgeschlossen, von einem Wettbewerber geschluckt zu werden. Dann kam die Zeit, in der man sich das wünschte, die Konkurrenz jedoch kein Interesse daran verspürte. Nun ist Pelikan so etwas wie Herlitz' letzte Chance. Wenn die Berliner es auch nicht unter dem Dach des Füllhalter-Spezialisten schaffen sollten, nachhaltig aus der Verlustzone herauszukommen, sieht es düster für das Unternehmen aus.
Bisher hatte es allerdings noch niemand vermocht, Herlitz seit jener verhängnisvollen Europa-Einkaufstour Mitte der 90er-Jahre wieder auf die Beine zu helfen. Damals hatte sich das Unternehmen - im Geld schwimmend - in verschiedenen, völlig fremden Sparten versucht. Mit beispiellosem Misserfolg. Rund 90 Millionen Mark wurden in jener Zeit allein durch ein missglücktes Engagement bei der russischen Papierfabrik AO Volga versenkt. Hinzu kamen Millionen-Verluste im riskanten Immobiliengeschäft.
Der Expansion war das Management des Unternehmens damals offenbar überhaupt nicht gewachsen. Es folgten mehrere Sanierungsversuche und zahlreiche Wechsel an der Spitze des Vorstands. Vergebens, die Zahl der Mitarbeiter sank stetig, die Aktionäre warteten vergeblich auf eine Dividende. Stattdessen verlor der Herlitz-Kurs immer stärker an Wert. Von 1994 bis 2002 sackte er um 90 Prozent ab - schließlich musste Herlitz Insolvenz anmelden.
Dennoch gelang dem Konzern aus der Insolvenz heraus ein Neubeginn, vor allem, weil die Gläubiger auf einen Großteil ihres Geldes verzichtet hatten. Herlitz besann sich auf sein eigentliches Kerngeschäft, baute Schritt für Schritt Schulden ab - aber schaffte dennoch nicht den nötigen Sprung aus der Verlustzone heraus. Bis heute hat das Management offenbar noch immer nicht die optimale Geschäftsidee gefunden. Dafür spricht zumindest, dass nach der Insolvenz weiterhin viel Bewegung im Herlitz-Vorstand gab und die erhofften Erlöse ausgeblieben sind. Womöglich lässt sich im Computerzeitalter allein mit Schultüten, Tintenrollern und Ordner kein ertragreiches Geschäft mehr machen. Vielleicht benötigt Herlitz auch noch andere, modernere Standbeine - es muss ja keine Papierfabrik sein.
Der Einstieg von Pelikan lässt dennoch hoffen. Auf den ersten Blick sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Übernahme nicht schlecht. Herlitz ist vor allem in Deutschland und Osteuropa präsent, Pelikan in Westeuropa, Lateinamerika und Asien. Herlitz steht in Regalen des Lebensmitteleinzelhandels, Pelikan im Fachhandel. Der Herlitz-Kurs schoss Ende vergangener Woche auf lange nicht gekannte Höhen von mehr als drei Euro. Das allerdings schon kurz bevor die Übernahme bekannt wurde. Damit dürfte der Deal nicht nur für Mitarbeiter und Aktionäre interessant geworden sein - sondern wohl auch für die Finanzaufsicht.
Berliner Zeitung, 10.11.2009
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