Zweiter Anlauf

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Nicht jeder, der einen Studienplatz ergattert, ist mit seiner Ausbildung glücklich. Viele verlassen die Uni ohne Abschluss. Das muss aber kein Karriereknick sein.

Ruprecht Hammerschmidt

Fast jeder Studierende hadert irgendwann während der Ausbildung mit seiner Wahl. Die meisten arrangieren sich nach einer Phase des Zweifelns jedoch mit ihrer Ausbildung und schließen sie auch erfolgreich ab. Doch in Deutschland gibt es auch eine hohe Quote von Abbrechern, ergab eine Untersuchung des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Rund 70 000 Hochschüler beenden jedes Jahr ihr Studium ohne Examen. Besonders häufig werfen Sprach- und Kulturwissenschaftler das Handtuch. Nach den zuletzt 2006 erhobenen Zahlen machten rund 43 Prozent von ihnen keinen Abschluss. Danach brechen auch Informatikstudenten oft ihr Studium ab. Knapp 40 Prozent hörten vorzeitig auf. Und jeder dritte Maschinen- und Elektroingenieur verzichtet auf das Examen. Dabei fordern Unternehmen gerade mehr Fachleute dieser technischen Ausbildungen ein.

Phase der Neuorientierung

Auch wenn die Abbrecher diesen Schritt als ein Scheitern verbuchen, müssen sie beruflich nicht versagen. Im Gegenteil: "Wer abbricht, geht nur selten das Risiko ein, arbeitslos zu werden", berichtet der Mitautor der HIS-Studie, Ulrich Heublein. Er sieht den Grund dafür in der langen Zeit der Neuorientierung. "Die Studenten machen sich ihre Entscheidung nicht leicht", sagt er. "Sie gehen meist erst dann, wenn sie für sich eine Alternative gefunden haben. Wer sich bewusst von einer Karriere als Akademiker verabschiede, verbinde dies in der Regel mit der Suche nach neuen beruflichen Perspektiven. Etwas anders sehe es aber bei der Gruppe aus, die von der Uni gehen müssen, weil sie notwendige Prüfungen nicht bestanden haben. "Wer durchfällt, braucht länger bis er eine Beschäftigung gefunden hat", sagt der Experte Heublein. Denn jeder der sich den Prüfungen stelle, rechne damit, diese auch zu bestehen. Kandidaten, die endgültig scheitern, brauchen dann erst Zeit, sich über ihre Alternativen klar zu werden. Diese Phase haben andere Abbrecher bereits während des Studiums durchlebt, wenn sie dann häufig im sechsten oder siebten Semester entscheiden, dass die Hochschulausbildung nichts für sie ist.

Was die Betroffenen womöglich als Scheitern empfinden, wird von vielen Unternehmen gar nicht als Nachteil wahrgenommen. "Wer sich für einen Neuanfang entscheidet, ist meist hoch motiviert", sagt Burkhard Wüllscheidt, Vorstandsmitglied des Berufsförderungszentrums (Bfz) in Essen. Das Unternehmen bietet speziell für Abbrecher Berufsausbildungen an. Die meisten brächten wichtiges Vorwissen und dazu eine hohe Selbstlernkompetenz mit.

Wer eigentlich sicher ist, dass er sein Studium nicht beenden wird, sollte sich jedoch nicht mehr allzu lange mit dem Schritt Zeit lassen, rät Susanne Wunder vom Bfz. Denn wer lieber eine praktische Ausbildung machen möchte, sollte nicht zu alt sein. "Bis Mitte zwanzig ist ein Umsatteln meist kein Problem", sagt Wunder. Wer deutlich älter ist, sollte aber überlegen, ob er das Studium nicht doch beenden kann. Letztlich komme es aber für die Betriebe auf die Erfahrung des Einzelnen an. Besonders interessant für Unternehmen sind Abbrecher, die bereits in Nebenjobs Berufserfahrungen gesammelt haben. Anspruchsvolle Arbeiten könnten dann auch ältere Uni-Abgängern helfen, bald eine passende Stelle zu finden. "Die Qualifikation ist in der Regel wichtiger als das Alter", sagt die Expertin.

Um aber die Gefahr eines erneuten Scheiterns zuvor zu kommen, sollten die Betroffenen sich darüber klar werden, warum sie das Studium abbrechen und was sie sich im Arbeitsalltag wünschen. "Viele gehen völlig unbedarft an die Uni", sagt Wunder. Sie hätten weder klare Vorstellungen über den Alltag an der Hochschule noch über die Berufssituation, die sie nach einem Abschluss erwartet. Beim Umsatteln sei es deshalb sinnvoll, sich den späteren Berufsalltag schon vorab bei einer Hospitation im Betrieb anzusehen. Ebenso empfiehlt die Expertin, bereits vor einer Ausbildung zu prüfen, in welchen Bereichen es derzeit gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt gibt.

Berliner Zeitung, 12.05.2007

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