Fachkräftemangel: "Wir beraten auch auf Türkisch"

Ulrich Wiegand Geschäftsführer Handwerkskammer Berlin Foto: hofkurier

Fragen an Ulrich Wiegand, Geschäftsführer der Handwerkskammer Berlin

Auch dem Berliner Handwerk könnte Fachkräftemangel drohen. Wie wollen Sie das verhindern?

Da wir die demografische Entwicklung, also die quantitativen Gründe eines Fachkräftemangels, kurzfristig nicht beeinflussen können, konzentrieren wir uns auf die qualitativen. Zum Beispiel darauf, suchende Betriebe und geeignete Bewerber zu vermitteln. Innerhalb des Projekts „PASST! Passgenaue Vermittlung von Auszubildenden“ etwa gleichen wir die Suchprofile von Betrieben mit uns vorliegenden Bewerberprofilen ab. Wenn’s hier passt, führen wir nach Wunsch Bewerbungsgespräche durch und stehen auch während der Probezeit beratend zur Seite. Besonderes Augenmerk legen wir auf die Beratung von Unternehmern und Schulabgängern mit Migrationshintergrund, wir beraten beispielsweise auch auf Türkisch.

Was tut die Kammer, um die Potenziale älterer Arbeitnehmer stärker einzubinden?

Wir betreiben etwa das Projekt Berliner Bär, bei dem erwerbslose Führungs- und Fachkräfte nach Fortbildung als SeniorConsulter wirken und den Betrieben ihre in Jahrzehnten gewachsene Expertise zur Verfügung stellen. Überdies senden wir zunehmend Signale in die Betriebe, doch bitte vermehrt die Stärken älterer Mitarbeiter zu nutzen. Denn die verfügen jenseits des Fachwissens vielfach über soziale und kommunikative Kompetenzen, die überall von Vorteil sind. Nicht umsonst gelten altersgemischte Belegschaften als leistungsfähiger.

Wie wollen Sie junge Frauen vermehrt fürs Handwerk begeistern?

Beispielsweise steuern wir für die gesamte Berliner Wirtschaft, also auch die IHK-Betriebe, das Förderprogramm Berufliche Bildung FBB. Ein Schwerpunkt liegt darauf, Frauen für bislang frauenuntypische Berufe zu gewinnen, zum Beispiel als Tischlerin oder Fachinformatikerin.
Unternehmen, die derartige Ausbildungen anbieten, erhalten finanzielle Anreize.

Kann dem Handwerk auch mehr internationales Profil verliehen werden?

Durchaus, seit Anfang August bieten wir eine Stelle zur Förderung der internationalen Mobilität. Hier werden Firmen unterstützt, die einen Teil der Schulung ihrer Auszubildenden ins Ausland verlegen wollen. Junge Menschen reizt es ja, einen anderen Sprach- und Kulturkreis kennenzulernen. Betriebe mit derartigen Angeboten gelten als besonders attraktiv. Doch die Mobilitätsrate im Handwerk liegt bislang noch bei deutlich unter zwei Prozent – trotz der Tradition des auf die Walz gehenden Gesellen. Diese Tradition gilt es in organisierter Form auszubauen.

Um die Qualität der Ausbildung zu erhöhen, ist eine engere Verzahnung mit der Wissenschaft nötig. Wo sehen Sie Berlin auf diesem Weg?

Positiv verläuft die Entwicklung in Adlershof. Die dortigen kleinen Unternehmen können, bedingt durch die enge Verzahnung mit der wissenschaftlichen Institutionen, weitaus kreativer und schneller Neues entwickeln als andernorts. Auch das Berliner Handwerk wird von der weiteren Verflechtung mit Schulen sowie den reichlich vorhandenen Universitäten und Forschungseinrichtungen künftig vermehrt profitieren. Dies ist sicherlich ein Standortvorteil. Insbesondere im Rahmen unseres Projektes Komzet (Kompetenzzentrum Zukunftstechnologien im Handwerk) unterstützen wir durch Bildungsmaßnahmen gezielt den Transfer von F+E in Handwerksbetriebe.

Vielen Dank für das Gespräch!

21.10.2009

Mehr zum Thema Fachkräftemangel lesen Sie im Artikel: Fachkräfte: Wettlauf um die Besten

Infos & Tipps

Dieser Artikel stammt aus dem hofkurier, der Zeitung für das Berliner Gewerbe, herausgegeben von der ORCO-GSG.
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